Samstag, 12. Januar 2013

Der Kommandant denkt immer noch nach


Ich schlendere über den Markt, nehme ein paar Früchte an, die mir Händler zum Kosten reichen und weise meine Haushälterin Awa an, dies und das zu erwerben. Awa stammt aus Port Kar, hat als Urtweib am Hafen herumgelungert und sich meinen üblichen Vortrag für derlei Gesindel anhören müssen. Bei manchen wirkt er, bei den meisten nicht.

Wenn ich sie beim Betteln in der Stadt erwische, warne ich sie alle ein einziges Mal. Dass ich es erfahren werde, wenn sie herumlungern, sich in den Gassen irgendwelchen Matrosen für ein paar Kupfer hingeben, am Markt stehlen, die Leute um Almosen anjammern und das Stadtbild verschandeln. Geschieht das, gehen sie sofort in den Kragen und kommen auf den Auktionsblock oder werden geschoren und auf die Schiffe gebracht.

Weil ich ein großes Herz habe, sage ich ihnen aber auch: Wer sich aus dem Dreck erhebt und sein Geld mit ehrbarer Arbeit statt mit Kleinkriminalität verdienen will, erhält meinen Respekt. Und vielleicht sogar eine Chance wie Awa. Man kann einer Frau auf Gor nicht vorwerfen, wenn sie einmal fällt. Das kann sehr schnell aus unterschiedlichen Gründen geschehen. Mann kann ihr nur vorwerfen, wenn sie liegen bleibt. Schwäche dulde ich nicht in meinem Umfeld so wenig wie Mitleid, das den zum Schwachen erniedrigt, der es empfängt, und auch den, der es gewährt.

Gerade höre ich Awa feilschen und jammern über zu hohe Preise und schaue mich etwas auf dem Markt um, blicke über die Niederkastigen hinweg, die mich mit tiefen Verbeugungen grüßen, und verscheuche mit beiläufigen Handbewegungen einige Bittsteller, weil mich gerade einige kunstvoll bemalte Teller mehr interessieren als das Bauernpack.

Ich mag die schönen Dinge des Lebens. Meine Wohnung hängt voller Gemälde. Es ist Tradition in meiner Offiziersfamilie, von jedem Sieg ein solches Bildnis in Auftrag zu geben. Auf einer der Vasen, die ich mir ansehe, sind Szenen aus der Arena von Ar gemalt, wie mir der Töpfer berichtet. Nackte Jünglinge, die miteinander ringen. Kraftvoll. Schöne Motive. Aber natürlich sagt man von den Soldaten aus Ar, dass sie auch in den Fellen miteinander ringen und mit ihrer Lust die gewollte Ordnung verspotten.

Ehrlich gesagt. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Aber es war Teil unserer cosianischen Propaganda im Feldzug gegen Ars Station und der Schlacht im Voskdelta. Genauso haben wir von Tarnen aus über den Arer Stellungen Kisten abwerfen lassen, die gefälschte medizinische Zeichnungen aus Telnus enthielten mit Bildern von cosianischen Soldaten mit enormen Geschlechtsorganen. Das Eine diente dazu, den Gegner in den eigenen Reihen klein zu machen. Das Andere dazu, den Gegner zu demoralisieren.

Ich muss jedes Mal dran denken, wenn ich Arer sehe. Gerade kürzlich liefen hier welche auf – traurige Sache. Es war eine dieser Del-Ka-Brigaden, früher einmal respektable Untergrundkämpfer im Dienste einer Sache, ihres von Cos besetzten Heimsteins. Feinde, aber ehrbar. Damals jedenfalls.

Unter Führung eines alternden Senators namens Lucius kam dieser verblichene Glanz einer einst stolzen Legion in den Süden gekrochen und wollte uns Informationen aus Turmus verkaufen, um Geld für Essen zu haben. Was in zwei Belangen besonders traurig ist: Einerseits wollten diese Arer in Turmus einem Schreiber folgen, diesem Cato. Muss man sich mal vorstellen. Arer Soldaten, die Schreibern folgen. Hoffentlich bekommt das in Ar keiner mit. Andererseits sind sie von ihm übers Ohr gehauen worden und sinnten nach Rache. Nicht das ehrbarste aller Motive. Muss man sich auch mal vorstellen. Arer Soldaten, die sich von machtgeilen Schreibern übers Ohr hauen lassen und lamentieren, statt den Kerl umzulegen. Traurig halt.

Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schickt mir dieser Cato eine Botschaft, er habe eine Arer Kampfgruppe im Herzen Kasras platziert und denkt, ich glaube das. Will mich täuschen damit und seine offensichtliche Führungs-Schwäche, dass ihm die Soldaten in Scharen weglaufen, auch noch als Stärke verkaufen. Kläfft rum gegen Kasra und nennt uns Kriegstreiber – vermutlich hat er diesen Brief von seinem Weib kopieren und an all die Ortsvorsteher der Käffer am Vosk verteilen lassen, die ihm sabbernd folgen. Damit sie denken,w as für ein kluger Kopf und großer Feldherr er wohl ist.

Tatsächlich gibt es aber auch in diesen Bauern- und Fischerdörfern Krieger, denen man nichts vormachen kann. Die irgendwann Taten verlangen, und wenn dieser Cato sich halten und mit seiner Brut nicht verlacht und aus der Stadt gejagt werden will, dann muss er irgendwann etwas tun, das ihm Respekt verschafft.

Das bereitet mir Sorge, denn die Mittel dieser Del-Ka und die Mittel eines solchen Mannes sind nicht die der offenen Konfrontation. Eher ein Dolch im Rücken. Bezahlte Mörder. Gift. Außerdem hat er ja keine Soldaten mehr, die kamen ja alle nach Kasra gelaufen und baten um Geld. Deswegen habe ich vorsorglich ein paar Dinge angewiesen, um die Regentin zu schützen.

Mich erreichten außerdem Nachrichten meiner Spione aus Turmus und aus Belnend – Nachrichten, die mich wiederum schmunzeln lassen. Aber auch Nachrichten, die mich zu einigen weiteren Überlegungen bringen.

Innenpolitisch ließe sich die ohnehin gegebene Stabilität in Kasra durch einen kleinen Krieg in der Ferne weiter festigen, und die Diktatorin könnte damit sofort nach ihrer Wahl Stärke beweisen. Ferne Kriege gegen schwache Gegner bedrohen zudem niemanden in der Nähe und sind ungefährlich, schärfen aber das Profil der Regierenden – warum also nicht die Freiheit des Handels in Kasra und die Grundfesten unserer Ordnung igrendwo am Vosk verteidigen? Außerdem beruhigt es das Volk, wenn es militärische Präsenz sieht und verunsichert den Gegner, wenn er von seinen Spitzeln Nachrichten über Manöver erlangt.

Natürlich aber haben wir aus den Feldzügen gegen Aventicum und Belnend im Norden gelernt. Stehende Heer dort zu finanzieren, ist sagenhaft teuer, langwierig, zäh, und ich habe meine Budgets. Preiswerter ist es, von einem Brückenkopf aus gezielte kleinere Schläge auszuführen, und ich habe ein Tarnschiff am Vosk-Delta und eine Basis bei unseren Freunden in Lydius. Also habe ich angewiesen, Luftlande-Einsätze mit Tarnen im städtischen Raum zu üben sowie Anlande-Manöver der Flotte und der Marine-Infanterie am Flussufer. Bei beidem kann das Volk auch zusehen und seinen Roten zujubeln.

Bei allem kann es unseren Soldaten sowieso nicht schaden, vorbereitet zu sein. Ich rechne in den kommenden Tagen mit Aktionen der Del-Ka, die dieser Cato innerhalb der Vosk-Liga als Stärke verkaufen wird und muss, um ernst genommen zu werden. Es ist zwar lästig wie eine Laus im Pelz des Larls, dass sich dieser Schnösel Kasra als Rampe für seinen Aufstieg ausgesucht hat – sicher deswegen, weil wir so fern sind. Aber es lässt sich nicht ändern, und wenn den Larl die Laus irgendwann zu sehr ärgert, dann zerquetscht er sie mit einer schnelle, heftigen Bewegung seiner weit reichenden Krallen.

Ich mache eine Geste zu Awa, die mit dem Einkauf fertig ist und Cassia, die erste und zurzeit einige an meiner Kette, die Waren schleppen lässt. Ich sage, dass ich diese Vase mit den ringenden Arern will. Vielleicht sende ich sie diesem alternden Senator Lucius als Gruß, der mit seiner Brigade derzeit außerhalb kampiert. Vielleicht schmückt die Vase sein Feldlager etwas. An die cosianische Propaganda von damals wird er dabei sicher nicht denken. Aber wer weiß…

Kommentare:

  1. Sie kriegt ja schon selbst Kopfschmerzen von den Gedankengängen ihres Herrn, wie wird es dann erst ihm ergehen? Voller Eifer huscht sie durch die prächtigen Räumlichkeiten des Kommandanten und bereitet ein Bad mit duftenden Essenzen vor. "Das wird ihn sicher entspannen" murmelt sie, während sich der Raum allmählich mit den herrlichen Düften füllt. Zufrieden ist das Lächeln auf ihren verführerischen, roten Lippen und erwartungsvoll der Blick zur Tür.

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  2. Wieder wunderschön und stimmig geschrieben.
    Es ist ganz klar die Beschreibung einer Sichtweise, ebensowenig mit Absolutismen (das ist so) aufwartend wie Definitives verratend - und das hervorragend getragen vom Ich-Erzähler Luc, der gar nicht erst den Anspruch vermittelt zu wissen, was morgen geschehen wird. Ein erfrischendes Labsal in einer Zeit, in der viele glauben selbst die Meinungen und Eindrücke ihres fiktionalen Charakters in einer ebenso fiktionalen Welt als unumstößliche Wahrheiten verkaufen zu müssen.
    Ausgezeichnet!

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  3. Luc sagt:

    a, das musste noch gesagt werden, und schönen Dank! Und natürlich ist das alles immer die ausschließliche Ingame-Perspektive des Kommandanten, sonst nix.

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  4. Ich mag deinen Schreibstil - so straight and manly :-) Es entsteht vor des Lesers innerem Auge ein Krieger wie gemalt.
    An Aventicum erinnere ich mich wahnsinnig gerne. Luc und Cry waren das absolute Traum-Team.

    Du hast einen Fan in
    Chara Charisma

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  5. Tja, denken kann der gute Hauptmann viel. Ich bin gespannt ob der gute Hauptmann auch ein Mann der Tat ist bzw. werden wird.
    ich freue mich auf die Fortsetzung, dess es ist wirklich gut geschrieben.

    gez. Titus

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  6. Ach, Awa ist jetz wieder in kasra?

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