Donnerstag, 2. Februar 2012

Bei den Priesterkönigen

Liebes Tagebuch,

was sind das nur für Zeiten.

Und was alles passiert ist .. die Heilerin Chantal wurde Gefährtin des obersten Schriftgelehrten - und ich war dabei. Also, beim Unterzeichnen, bei uns hat ja alles seine Richtigkeit. Prüfen und Gegenprüfen, eine Abschrift für die Chroniken der Stadt, eine in den Verteiler, eine zur Sicherheit ..

Ich selbst verpacke ja gern alles, so geht jeder seinen Vorlieben nach. Vor dem Einpacken kommt aber das Aufbauen - und ich kann mich vor Aufträgen nicht retten. Mit Sid habe ich aber den richtigen an der Seite und so planen wir bereits ein bautechnisches Nach-Teibar-Kasra. Letzteres erweist sich allerdings als nicht so einfach, der Mann ist Krieger und kennt das Wort Aufgeben nicht mal.

Ach, erwähnte ich, dass ich gegen ihn kandidiere?
Wenn nicht, ich tue genau das, ist es mir doch endlich als hohe Kaste möglich.
Die letzte Wahl nach dem Krieg gewann Teibar nur noch knapp und ich war nicht der Meinung, dass sich die Umstände für Kasra gebessert hätten.

Als Frau habe ich aber nun nicht unbedingt die besten Vorraussetzungen gegen einen Krieger anzutreten, also gleich eine ganze Kaste gegen mich, egal für was ich eintrete. Gut, damit muss ich leben und ich habe mein Leben so gelebt.

Jedenfalls sprachen wir vorgestern vor interessierten Ratsmitgliedern über unsere Pläne für die kommende Zeit. Die Pläne hatte eher Teibar, aber die hatte er auch das letzte mal. So zielte meine eigene Rede eher gegen die Isolation und Ergebnislosigkeit seiner Nachkriegspolitik.
Die Veranstaltung war leider nur spärlich besucht, die meisten Männer blieben eh weg, weil sie kein Programm wählen werden. Die anwesenden Ratsmitglieder würdigten aber meine Rede mehr als wohlwollend und ich glaubte den Nerv getroffen zu haben. Selbst ein Eklat zum Ende des Rates hin war fast wie bestellt für meine Politik.

Teibar überschlief den Abend anscheinend unbeeindruckt, erst am nächsten Tag antwortete er mit einer neuen Politik.
Und die hat es in sich, das muss ich hier aufschreiben:


"Weg mit den Silbermasken!

Liebe Heimsteinbrüder,

was ist gestern passiert? Eine Wahlveranstaltung eskalierte zu einer lautstarken Auseinandersetzung in einer Form, die dem Raum, der Rat und Heimstein beherbergt für wahr nicht angemessen ist.

Auslöser: Die offene Beleidigung zweier Krieger durch eine Frau (AdR: nicht die Kontrahentin), nachdem dieselbe mehrfach das Wirken der Wachen in ihrer Ermittlungstätigkeit als Willkür verunglimpfte.

Ein Krieger, der vergleichbares gewagt hätte, hätte sich am selben Abend mit gleich mehrfachen Herausforderungen zum Duell befassen müssen und den Abend aller Wahrscheinlichkeit nach nicht überlebt!

Der Hinweis, dass derartiges Verhalten auch schnell mal im Collar enden kann, wurde dabei mit dem Aufbegehren weiterer dieser Silbermasken quittiert.

Im Nachgang musste ich mich auch noch belehren lassen: „Die Stimme einer schwachen Frau reiche nicht, um einen Krieger zu beleidigen“.

Der Urheber dieser Belehrung hat Recht. Die Stimme einer Frau reicht nicht, um einen Krieger zu beleidigen. Für mein dahingehendes Überreagieren möchte ich mich entschuldigen, aber:

Liebe Heimsteinbrüder, wo leben wir denn? Wo dürfen Frauen Amts- und Würdenträger nach Herzens Lust verunglimpfen und Angehörige der roten Kaste frei nach Belieben beleidigen im Schutz des Schattens der Feststellung, dass ihre Stimme zum Beleidigen nicht reicht? Reicht ihre Stimme auch nicht, um im Rat ihre unterprivilegierte Meinung kundzutun? Reicht ihre Stimme auch nicht, um das höchste Amt der Stadt, das Regentenamt anzustreben und auszufüllen? Wir haben eine Regentschaftskandidatin. Es gibt für einen weiblichen Regenten nicht mal eine festgelegte Bezeichnung in Kasra. Wie wollt ihr sie nennen? Tatrix? „Heil der Tatrix von Kasra“ wollt ihr rufen?

Leben wir in Tharna, wo maskierte Frauen die Männer wie den Tarsk durchs Dorf treiben können und am Nasenring durch die Arena führen oder leben wir in einer Stadt, die ihr Leben an den alten, von den Priesterkönigen vorgegebenen Traditionen ausrichtet?

Der gestrige Vorfall hat mir die Augen geöffnet, liebe Heimsteinbrüder: Wir leben nicht in Tharna, sondern in Kasra und hier ist es dringend an der Zeit den Frauen ihre Silbermasken zu nehmen!

Dem werde ich mich nach meiner Wiederwahl vordringlich annehmen:

Das Beischlafgesetz ist dringend wieder einzuführen, liebe Heimsteinbrüder und lasst uns den Furien ihre Silbermasken endlich entreißen und stattdessen die volle Schleierpflicht wieder einführen. Lasst uns ihnen ihre von den Priesterkönigen zugewiesene Position zeigen! Von Gnade soll jede sprechen, die kein Eisen am Hals trägt und ihre größte Furcht soll es sein, einem der Männer zu gefallen, denen es zusteht, sie sich zu nehmen, falls sie Hitze zeigen! Ganz, wie früher! Ganz, wie es die Priesterkönige wollten!

Auch den Rat müssen wir dringend aufräumen. Ich sehe vor, die Gesetzgebung entsprechend abzuändern, dass im Rat eine Frauenfraktion gebildet wird, der in ihrer Gesamtheit eine Stimme und eine Sprecherin zusteht. Es kann nicht sein, dass die Stimme, die nicht ausreicht um Krieger zu beleidigen genug ist, um politische Entscheidungen gleichberechtigt zu beeinflussen! Mit diesem Missstand müssen wir aufräumen und mit Hilfe der männlichen Stimmen ist das möglich!

Liebe Heimsteinbrüder, mir ist klar, dass ich mit diesen Plänen sämtliche weiblichen Stimmen verspiele, aber das macht nichts: In Kasra sind die Männer in der Mehrheit. Wählt konservativ, traditionell, gebt mir eure Stimme und helft mir, die Ära der Silbermasken am Fayheen zu beenden. Helft mir, die gorübliche Position der Frau auch in Kasra wiederherzustellen und verhindert, dass Kasra in Zukunft durch die Hand und vor Allem durch die Stimme einer Frau regiert wird, die nicht mal ausreicht einen Krieger zu beleidigen.

Männer, wählt Teibar, für ein traditionelles Kasra! Nutzt die Briefwahl, sofern abwesend – bei den letzten Wahlen wurde sie auch zugelassen. Jede eurer Stimmen ist nötig um dem Sittenverfall die Stirn zu bieten!

Teibar
Bezwinger von Belnend und Sittenwächter Kasras"


Imposant, nicht wahr liebes Tagebuch?
Weltfremd .. aber imposant. Ich habe dem Regenten mehr als einmal abgesprochen, Fantasie zu haben, dafür möchte ich mich entschuldigen. Er hat viel zuviel davon. Aber sein Weltbild ist verzerrt, geprägt vom Willen an der Macht zu bleiben. Wie sieht er die freien Frauen, welche die Gesellschaft tatsächlich im Hintergrund tragen? Welch ein Bild hat er von seiner eigenen Mutter? Eine Frau, die nicht schön genug war, einen Kragen zu tragen?
Verunglimpft er nicht auch seine Kastenbrüder mit der Ansicht, deren Mütter wären nur .. ?

Aber vielleicht lese ich das auch nur zu negativ? Und das alles sind eigentlich nur Worthülsen und ein verzweifeltes Aufbäumen? Bei näherer Betrachtung könnte das so sein. Denn was genau verspricht er?

Das Beischlafgesetz will er in Kraft setzen, als gäbe es noch Sklaven, die nicht in die Erzmine verbracht wurden.
Er will jemanden die Silbermasken entreissen, als hätte jemand die Dinger jemals wiedergesehen.
Schleierpflicht in Kasra möchte er auch, lustig, weil alle freien Frauen in Kasra eh Schleier tragen.
Von der Gnade, als freie Frau keinen Reif zu tragen, spricht er - recht hat er. Wir danken den Priesterkönigen genauso wie Krieger es tun. Wir danken ihnen keinen tragen zu müssen !!
Auch der letzte Satz dazu liest sich geschmeidig, aber man beachte die Einschränkung .. 'einem der Männer, denen es zusteht'. Er spricht hier geschickt NICHT von freien Frauen, sondern von Sklavinnen.

Was also verspricht er wirklich? ... Nichts.
Die Stimmen der Männer reichen kaum für eine Wiederwahl, für eine Verfassungsänderung werden sie auf keinen Fall reichen - freie Frauen können also auch nicht aus dem Rat entfernt werden.

Fallt nicht auf diesen Populismus herein, seht es lieber als letzte Finte eines wirklich großen Mannes an.
Der Krieger kämpft seine letzte Schlacht mit allen Mitteln, aufgeben wird er nie.
Teibar ist ein guter Krieger, aber seine Finten sind enttarnt, er sollte sich zurückziehen.

Bei den Priesterkönigen, ich denke nur noch an die Wahl - entschuldige liebes Tagebuch, aber ich glaube, ich habe gerade eher die Antwort auf Teibars Schreiben formuliert.

Danke dass es dich gibt, liebes Tagebuch.


Kommentare:

  1. Luc sagt:

    Schleier tragen sicher viele. Schuhe nicht alle. Ich denke, die Wachen werden sich das mal genauer ansehen müssen.

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  2. Um die Art des, wenn vorhandenen, Schuhwerks zu prüfen, müssten die Wachen schon die Röcke heben. Und was eine Freie unter ihren weitausladenden Roben trägt geht die Wache so viel an, wie es einen Sklaven was angeht, welche Arbeit er für seinen Herrn machen soll. Eine Wache die das kontrolliert, gehört selbst weggeschlossen.

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  3. Er war gestern schon sehr geschickt darin, vorhandenes Schuhwerk zu überprüfen ;-))

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  4. Luc sagt:

    Türlich. Er ist ja auch der Hauptmann ;-)

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